Wernings wandert aus

Schon 1824 waren Werningser Familien, von der Not getrieben, aus ihrem Dorf in der Nähe von Gedern nach Brasilien ausgewandert. Die von dort kommenden guten Nachrichten gaben den Menschen die Überzeugung, dass ein Neuanfang in der Fremde besser sei, als weiter in der Heimat im Elend zu leben. Da die Situation sich durch Missernten, hohe Abgabenlasten und durch die politische Repression der Landesherren in der Folgezeit nicht besserte, suchten viele Hessen eine neue Heimat in Amerika.

Die Werningser beschlossen unter Führung ihres Dorfschullehrers Wilhelm Reifschneider gemeinsam nach Amerika auszuwandern. Dazu holten sie sich vom Landesherrn in Darmstadt eine Genehmigung ein. Der Graf von Solms-Laubach kaufte über eine Immobiliengesellschaft das gesamte gemeinschaftliche und private Vermögen der Werningser und im Jahre 1842 konnte das Landgericht in Büdingen erklären, dass der Auswanderung nichts mehr im Wege stand. Das hessische Ministerium beauftragte einen Beamten, sich um die Auswanderungsangelegenheiten zu kümmern. Und dieser Mann erwies sich als sehr zuverlässig. Über ein Frankfurter Bankhaus schickte er das Reisegeld nach Bremen. Dort war der Beamte bereits vor den Auswanderern eingetroffen, hatte ein Schiff organisiert, den Preis für die Überfahrt ausgehandelt, Proviant für 90 Tage beschafft und übergab den Reisenden bei der Abfahrt korrekt den Rest der Gemeindekasse.

Nach einem bewegenden Abschied trat die Reisegesellschaft mit 156 Personen, davon auch etliche aus den Nachbargemeinden, die Überfahrt an und erreichte nach fast 60 Tagen auf See am 2. Dezember 1842 New Orleans. Von dort ging es per Mississippi-Dampfer Richtung St. Louis. Doch bei Chester versperrten große Eismassen die Weiterfahrt. Auf Wagen erreichte man am 26. Dezember schließlich das Ziel: St. Louis.

Fast alle Werningser ließen sich im Staat Illinois, in Waterloo und Columbia nieder, wo sie auf den Farmen der englischen, schottischen und irischen Gutsbesitzer arbeiteten.

Da die Gutsbesitzer wenig Geld hatten, bezahlten sie die Deutschen mit Land. Nach geraumer Zeit gehörte denen aufgrund ihres Fleißes das meiste Land. Die Briefverbindungen in die alte Heimat hielten bis zum Ende des Jahrhunderts. Danach wurde es still - bis in unsere Tage, als Amerikaner deutscher Abstammung nach Gedern kamen auf der Suche nach Wernings und ihren historischen Wurzeln.

Emigranten aus Wernings: