Das Wettrudern

Vor einiger Zeit verabredeten deutsche Kultusministerien ein jährliches Wettrudern deutscher Schulen, auch solcher im Ausland, gegen Schulen aus vielen anderen Ländern, das mit Achter-Ruderbooten ausgetragen werden sollte.

Alle Mannschaften trainierten lange und hart, um ihre höchste Leistungsstufe zu erreichen. Als der große Tag kam, waren alle Mannschaften topfit, doch alle ausländischen Schulen gewannen das Rennen mit einem Vorsprung von mindestens einem Kilometer.

Nach dieser Niederlage war das deutsche Team sehr betroffen und die Moral war auf dem Tiefpunkt. Die obersten Schulbehörden entschieden, dass der Grund für diese vernichtende Niederlage unbedingt herausgefunden werden musste. Projektteams und Kommissionen wurden eingesetzt, um das Problem zu untersuchen und um geeignete Abhilfemaßnahmen zu empfehlen. Mitglieder dieser Arbeitsgruppen waren ehemalige Ruderer, die zu Steuermännern und -frauen befördert worden waren. Nach langen Untersuchungen in verschiedenen Kommissionen, die sich mit pädagogischem Qualitätsmanagement Kompetenz erworben hatten, und die über einige Monate hinweg mit beachtlichen Kosten verbunden waren, fand man heraus, dass bei den anderen Teams acht Leute ruderten und ein Mann steuerte, während im deutschen Team ein Mann ruderte und acht steuerten. Die völlig ideologiefreie Schlussfolgerung aus diesem Faktum war schließlich die Feststellung, dass im deutschen Boot zu viele Leute steuerten und zu wenige ruderten.

Um einer weiteren Niederlage gegen die anderen Teams vorzubeugen, wurde nach langen Diskussionen in den entscheidungsbefugten Gremien unter Mitwirkung der personellen Vertretungen die Teamstruktur letztendlich durch die Einsetzung einer "Steuergruppe" entscheidend verändert. Man einigte sich einvernehmlich auf nunmehr nur noch fünf Steuerleute, zwei Obersteuerleute, einen Steuerdirektor und einen Ruderer. Die Frauenbeauftragten waren überdies mit ihrer Forderung nach geschlechtlich paritätischer Besetzung aller Steuersitze im Boot erfolgreich. Außerdem wurde für den Ruderer ein Leistungsbewertungssystem eingeführt, um ihm mehr Ansporn zu geben.

Im nächstem Jahr gewannen die anderen Schulen mit einem Vorsprung von zwei Kilometern. Die deutschen Schulbehörden schimpften auf das wohl offensichtlich schlechte Trainingsengagement des Ruderers und starteten eine Initiative zur Benutzung längerer Ruder, wobei die Holzsorte und Form in neu einzurichtenden Kommissionen und Steuergruppen bewertet werden sollten. Für den Ruderer wurde ein umfangreicheres Trainingsprogramm angeordnet. Seine Methoden, mit dem Ruder umzugehen, wurden als verbesserungswürdig angesehen. Eine Steuerungsgruppe zur Verbesserung der Methodenkompetenz des Ruderers wurde schließlich erfolgreich etabliert. Damit das zeitliche Trainingspensum auch bei Krankheit oder Ausfall des Ruderers formal eingehalten werden konnte, wurde es erlaubt, dass ein Insasse des Bootes auch bei Unkenntnis des Rudervorgangs einspringen konnte, notfalls durch Plantschen oder Wasserspritzen entgegen der Fahrtrichtung. Als entscheidendes Kriterium wurden nicht die erreichten Zeiten für eine zu bewältigende Strecke, sondern der Teamgeist angesehen.

Man beschloss, die in langen Diskussionen in den Kommissionen verabschiedeten Ruderanweisungen als Schulprogramm in gebundener Form als mehrbändiges Werk im Boot mitzuführen, um auf jede unvorhergesehene Situation im Wettkampf flexibel reagieren und die Überlegenheit des theoretischen und methodischen Konzeptes demonstrieren zu können.

Im nächsten Jahr konnte das deutsche Boot mit voller Länge die Startlinie überqueren und die Wettkampfstrecke damit in vollem geforderten Umfang erreichen. Das Kentern des Bootes kurz hinter der Startlinie wurde nur von den notorischen und ignoranten Kritikern der erfolgreichen methodischen und sportlichen Vorarbeit und der Steuerungskunst der Steuerungsgruppe als Misserfolg angesehen.


Idee: im Internet kursierende Version, z.B. Das Wettrudern
Anpassung an Schulsituaton: (C) Horst Gierhardt, Juni 2003/November 2007
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